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Die Wirtschaftsethik versucht vor dem Hintergrund der Ethik praktisch anwendbare Lösungsansätze für moralische Probleme der Wirtschaft zu formulieren. Dabei entstanden unterschiedliche, sich oft widersprechende Lösungsvorschläge, die nicht nur aus dem ökonomischen sondern auch aus anderen Bereichen der Sozialwissenschaften heraus entwickelt wurden. Inhalt: - Wirtschaftsethik auf philosophischer Basis
- Interdisziplinäre Ansätze von Wirtschaftsethik
- Vorgeschichte und Entstehung
- Ansätze
- Karl Homann
- Peter Ulrich
- Metakritik
- Weblinks
Wirtschaftsethik auf philosophischer Basis Ein adäquates Verständnis von „Wirtschaftsethik“ bedarf zuallererst den Rückgriff auf den Begriff Ethik. Diese ist ein Teilgebiet der Philosophie und befasst sich wissenschaftlich mit Fragen der Moral, insbesondere mit der Frage nach dem richtigen Handeln und daher mit moralischen Normen und Werten. Neben der philosophischen Ethik, die sich insbesondere mit der Moralbegründung und den daraus jeweils ableitbaren universellen Normen sowie deren Anwendung befasst, gibt es noch die Möglichkeit sich empirisch-deskriptiv mit Moralfragen zu beschäftigen, d. h. zu beobachten, wie sich Personen und Institutionen konkret moralisch oder unmoralisch verhalten, welche psychologischen Phänomene hierbei auftreten u.dgl. Neben der Moralbegründung befasst sich die philosophische Ethik aber auch mit Fragen der Anwendung moralischer Standards (Angewandte Ethik). Gegenstand sind hierbei alle Bereiche menschlichen Handelns wie beispielsweise Wirtschaft, Technik, Medizin, Sozialwesen, Politik. Da sich die philosophische Ethik primär mit der Frage nach universellen Normen befasst, die in der Anwendung unter jeweils bereichsspezifischen Bedingungen zu betrachten sind, ist es aus dieser Sichtweise nicht vertretbar eigene, d. h. von universellen Normen unabhängige Bereichsethiken zu entwerfen, wie dies – auch im Kontext von Wirtschaftsethik – mitunter der Fall ist. Wirtschaftsethik ist somit die Anwendung von philosophisch begründeten Normen und Werten auf den Gegenstand Wirtschaft. Hierbei kann man nach Enderle,Georges zur Präzisierung wirtschaftsethischer Fragestellungen verschiedene Analyseebenen differenzieren, nämlich die Makroebene, die Mesoebene und die Mikroebene. Betrachtungen auf der Makroebene fokussieren moralische Aspekte und Problemlagen von Wirtschaftssystemen, beispielsweise des Kapitalismus wie z. B. die Verteilungsgerechtigkeit in Marktwirtschaften. Angewandte Wirtschaftsethik auf der Mesoebene kann man auch als Unternehmensethik bezeichnen. Hierbei sind moralische Problemstellungen im Unternehmenskontext von Interesse, wie beispielsweise die moralische Verantwortlichkeit von Unternehmensleitungen in Umweltfragen. Die Mikroebene hingegen ist der Bereich individueller moralischer Handlungen im Wirtschaftskontext, wie beispielsweise das Verhalten gegenüber Kollegen oder auch der eigene Umgang mit umweltbelastenden betrieblichen Gütern. Neben der korrekten Analyseebene bedarf es für wirtschaftsethische Untersuchungen im Sinne einer Methodentransparenz auch der Anwendung axiomatisch abgesicherter ethischer Theorien. Es ist hier beispielsweise zwischen deontologischen Theorien (Pflichtenethik), teleologischen Theorien (konsequenzialistische Ethik) und Mischtypen (Verantwortungsethik) zu unterscheiden. Der heutzutage meistverwendete Typus ethischer Theorien – nicht nur im Wirtschaftskontext – ist die Verantwortungsethik. Diese wird einerseits dem verpflichtenden Charakter moralischer Normen gerecht und berücksichtigt aber andererseits auch die Konsequenzen moralischer Handlungen als Bewertungskriterium für die Relevanz moralischer Argumentationen. Ein gutes Beispiel für eine verantwortungsethische Sichtweise ist das moralische Kriterium Corporate Social Responsibility (CSR), also die im umfassenden Sinne soziale Verantwortlichkeit von Unternehmen, die sich neben diversen Aspekten der Public Relations auch in der Publikation unternehmensbezogener Nachhaltigkeitsberichte manifestiert und somit letztendlich einen relevanten Praxisbeitrag wirtschaftsethischer Denkweisen darstellt. In diesem Zusammenhang ist auch festzuhalten, dass sich aktuell ein regelrechter Wirtschaftsethik-Boom entwickelt. Eine wesentliche Ursache hierfür liegt in der Tatsache einer globalisierten,flexibilisierten Ökonomie,die neben dem Recht noch eine weitere,zusätzliche Steuerungsebene benötigt um deren komplexe Funktionszusammenhänge nachhaltig zu regulieren. Neben der philosophisch begründeten Wirtschaftsethik gibt es aber auch noch andere Theorieansätze, die den Begriff der Interdisziplinarität in den Vordergrund stellen und damit Mischansätze aus philosophischen Denkweisen sowie Wirtschafts- und Sozialwissenschaften generieren. Darunter sind auch die folgenden, sich selbst beschreibenden Ansätze zu subsumieren.
Interdisziplinäre Ansätze von Wirtschaftsethik Wirtschaftsethik ist ein interdisziplinärer Bereich aus Wirtschaftswissenschaft und Ethik. Der Begriff Wirtschaftsethik lässt sich dabei in zweifacher Weise interpretieren. Zum einen kann man darunter die „Ethik der Wirtschaft“ verstehen. So verstanden, handelt es sich um eine Bereichsethik des relativ klar umrissenen Gegenstands Wirtschaft. Man kann den Begriff zum anderen aber auch als „Ethik mit ökonomischer Methode“ verstehen. Als solche handelt es sich um eine Moraltheorie, die sich des ökonomischen Ansatzes bedient, um Lösungen für moralische Problemstellungen zu finden.
Vorgeschichte und Entstehung Als erster Sozialwissenschaft gelingt es der Wirtschaftswissenschaft sich im 19. Jahrhundert, nach dem Vorbild der Naturwissenschaften aus der spätmittelalterlichen Moralphilosophie zu emanzipieren. Sie etabliert sich als autonome Ökonomik. Seitdem stehen Ethik und Wirtschaftswissenschaft als einander entfremdete Denktraditionen in einem disziplinären Nicht-Verhältnis: Die Ökonomie stützt sich auf eine ausschließlich an Effizienz ausgerichtete ökonomische Rationalität. Fragen der Menschen- und Umweltgerechtigkeit sind in die Sphäre einer außerökonomischen Ethik verwiesen. An dieser Zwei-Welten-Konzeption von Ethik und Ökonomie entzündet sich das konstitutive Grundproblem einer modernen Wirtschaftsethik: Wie lässt sich die ökonomische Rationalität mit der ethisch-praktischen Vernunft systematisch vermitteln? An der Universität Münster hat es unter Heinrich Weber und Joseph Höffner Ansätze der Verknüpfung von Wirtschaftswissenschaft und philosophisch begründeter Wirtschaftsethik gegeben. Diese Professoren waren in beiden Wissenschaftsdisziplinen promoviert und hatten in beiden Fakultäten Lehrbefugnis und Promotionsrecht. Heinrich Weber kann als Vorläufer des Ordoliberalismus gelten und Joseph Höffner hatte als Schüler von Walter Eucken einen starken Bezug zum Ordoliberalismus. Das disziplinäre Nichtverhältnis ist weder notwendig noch wissenschaftsgeschichtlich durchgehend festzustellen (vgl. dazu Hermanns 2006). Wirtschaftsethische Reflexion lässt sich ideen- und theoriegeschichtlich bis auf die Einheit von Ethik, Politik und Ökonomie bei Aristoteles zurückverfolgen. Auch schulische Studien, die ökonomische Klassik, deren Hauptvertreter wie Adam Smith aus der Moralphilosophie stammen, der Methodenstreit in Deutschland und Max Weber sind als Wegmarken in der Vorgeschichte der heutigen Diskussion anzuführen. Außerdem ist der im deutschen Sprachraum beheimatete Ordoliberalismus zu nennen. Aus dem Blickwinkel der vorherrschenden Richtung der Wirtschaftswissenschaft (Neoklassik, Mainstream) sind das jedoch Randphänomene, die dem ökonomischen Selbstverständnis nach außerhalb des ökonomischen Bezugsrahmens argumentieren. Zu den wenigen Ökonomen, die sowohl als herausragende Wirtschaftswissenschaftler als auch Wirtschaftsethiker gelten, gehört Frank Knight, der als Begründer der Chicago-Schule in die Theoriegeschichte eingegangen ist. Weiter dürfen aber auch nicht die Nobelpreisträger Friedrich August von Hayek oder James M. Buchanan vergessen werden. Seit der Aufgabe der Vereinbarungen von Bretton Woods Anfang der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, welches ein System fester Wechselkurse festgelegt hatte, hat sich eine starke Finanzindustrie entwickelt. Heiner Geißler (CDU) hierzu (Zitat): „Osama Bin Laden finanziert seinen Terrorismus mit Hilfe dieser gigantischen Finanzindustrie, an der er im Übrigen mit beteiligt ist.“ Die angekündigten Entlassungen bei der Deutschen Bank kommentiert Geißler in einem Spiegel-Interview vom 24. April 2005 (Zitat): „Wegen der Erhöhung der Kapitalrendite auf 25 Prozent, das erleben wir dort jetzt, wird die Existenz von sechstausend Menschen aufs Spiel gesetzt. … Ein Wirtschaftssystem, das sich so definiert, dass der Börsenwert eines Unternehmens umso höher steigt, je mehr Menschen entlassen werden, ist zutiefst unsittlich. Und auch ökonomisch falsch.“ Seit Mitte der 1980er Jahre ist das Interesse an der Wirtschaftsethik wiedererwacht. Stichworte wie Shareholder Value, zunehmende Umweltzerstörung oder wachsende Massenarbeitslosigkeit werfen die Frage nach den normativen Grundlagen des Wirtschaftens auf. Wirtschaftsethik kommt als Krisenreflexion auf den Weg. Wesentliche Impulse für die Wiederentdeckung der Wirtschaftsethik gingen vom Verein für Socialpolitik, kirchlichen Akademien und verschiedenen Universitäten aus. Arbeitsgruppen, Diskussionsforen, Buchreihen, akademische Verbände, Seminare und Vorlesungen lassen die Wirtschaftsethik seit etwa 1990 zu einem eigenen Forschungs- und Lehrgebiet heranwachsen.
Ansätze Im deutschsprachigen Raum unterscheidet man zwischen Wirtschaftsethik und Unternehmensethik; während sich erstere mit dem theoretischen Verhältnis von Wirtschaft, Ökonomik und Ethik auseinander setzt, beschäftigt sich letztere vor allem mit Fragen des betriebswirtschaftlichen Umgangs mit Moral und Ethik. Im englischsprachigen Raum wird Business Ethics seit längerem als Fach an Hochschulen gelehrt. Trotz großer Überschneidungen im Gegenstandsbereich liegt der Fokus der englischsprachigen Diskussion wesentlich auf anwendungsbezogenen und empirischen Fragestellungen, während die deutschsprachige Diskussion stark durch theoretische Kontroversen gekennzeichnet ist.
Karl Homann Karl Homann und seine Schüler (insbesondere Andreas Suchanek und Ingo Pies) begründen ihr Konzept einer Wirtschaftsethik auf der Analyse von Dilemmasituationen (siehe auch Gefangenendilemma), da diese das zentrale Charakteristikum der modernen Gesellschaft darstellen. Zur Analyse bedienen sie sich dabei der ökonomischen Methode, wobei hier aber im Gegensatz zum traditionellen Verständnis nicht die Knappheit im Vordergrund steht, sondern Interaktionen (Homann et al. gehen folglich nicht von der Möglichkeit einer technischen Lösung aus!). Ihrer Ansicht nach ist in einer modernen, arbeitsteiligen Welt der institutionalisierte Wettbewerb, d. h. der Wettbewerb unter Spielregeln, der Ansatzpunkt, um erwünschte Ziele zu realisieren. In einer modernen Welt sind die Spielregeln (die Rahmenbedingungen) der systematische Ort der Moral. Hingegen kann der Versuch, Moral durch Appelle implementieren zu wollen, systematisch scheitern, wenn die Adressaten dieser Appelle ihnen nur nachkommen könnten, indem sie gegen ihre eigenen Interessen verstoßen. Erstens werden hier die empirischen Bedingungen der Implementierbarkeit von Moral nicht berücksichtigt, was zu unangemessenen Forderungen (normativistischer Fehlschluss) führe. Zweitens gebiete es die Würde des Menschen, diesen vor der Zumutung zu bewahren, systematisch gegen seine eigenen Interessen verstoßen zu sollen. Daher müssen die Anreizwirkungen der Rahmenbedingungen so gestaltet werden, dass individuelles Handeln von Akteuren zu einem gesellschaftlich erwünschten Zustand führt. Aufgabe der Wirtschaftsethik (im obigen Sinne!) sei es daher, Institutionen so zu gestalten, dass sie Anreizwirkungen entfalten, welche die Menschen in die Lage versetzen, freiwillig und zum gegenseitigen Vorteil interagieren (Überwindung der Dilemmasituation) zu können. Eine prägnante Zusammenfassung liefern Homann et al. selbst: „Der systematische Ort der Moral in einer Marktwirtschaft ist die Rahmenordnung.“ bzw. „Die Effizienz in den Spielzügen, die Moral in den Spielregeln.“ (Homann, K./Blome-Drees, F., Wirtschaftsethik, 1992, S. 35)
Peter Ulrich Peter Ulrich ist einer der prominentesten Kritiker Homanns. Wie in weiten Teilen ökonomischer Theorie der Politik, werde bei Homann "...demokratische Legitimation kategorial auf Pareto-Effizienz verkürzt; ethische Legitimität reduziert sich auf strategische Akzeptanz; der demokratische Gesellschaftsvertrag wird als generalisierter Vorteilstausch interpretiert (Tauschgeschäft). Innerhalb des Methodologischen normativen Individualismus (Homann), deckt sich demnach Pareto-Effizienz mit dem Legitimitätserfordernis des Konsenses". „Mit einem politisch-philosophischen fundierten Verständnis von (republikanisch-deliberativer) Demokratie hat eine so ansetzende ökonomische Konzeption Demokratischer Ordnungspolitik nichts zu tun. Hinter der Konstitutionellen Ökonomik Homanns kommt vielmehr eine ökonomische Reduktion Demokratischer Politik auf rein ökonomische Logik zum Vorschein“. „Der Versuch der strikten Lokalisierung der Moral in der Rahmenordnung und die restlosen Entlastung der Wirtschaftssubjekte von Moralzumutungen nicht nur im Markt, sondern auch in ihren politischen Strategien, bricht in sich zusammen und mit ihm das ordnungsethische Prinzip, … die Effizienz in den Spielzügen, die Moral in den Spielregeln“. Die Rahmenordnung des Marktes sei, entgegen Homanns Ausführungen (s.o.), nicht systematischer Ort der Moral. "Genau genommen, ist die Rahmenordnung vielmehr Ort der Moralimplementierung. Gedanklicher Ort der Moralbegründung ist die unbegrenzte Öffentlichkeit aller mündigen Bürger. Ulrich kennzeichnet hier einen Kategoriefehler innerhalb Homanns Konzeption. Ein weiterer entscheidender Einwand an Homanns Konzept betrifft den ökonomischen Begründungszirkel der Rahmenordnung. „Die Rahmenordnung des Marktes, die diesen legitimieren soll, wird letztlich selbst wiederum unter dem rein wirtschaftlichen Gesichtspunkt der Markteffizienz begründet.“ Ulrich kennzeichnet dies innerhalb seiner Ausführungen als ordnungspolitischen Ökonomismus. Mit der „integrativen Wirtschaftsethik“ eröffnet Ulrich ein diskursethisch fundiertes Gegenkonzept. Hauptaufgabe der integrativen Wirtschaftsethik ist: Die Ökonomismuskritik, die Sicherstellung des Vorrangs der Politik vor der Ökonomik sowie der Ausbau der ökonomischen Rationalität zum Konzept der Lebensdienlichkeit. Den methodologischen Individualismus, der innerhalb Homanns Konzeption zum Vorschein komme, könne man auch als methodischen Zynismus charakterisieren. „Die Subjekte geben ihre Willensfreiheit gleichsam in der Garderobe ab, bevor sie als Homines oeconomici, die nicht anders können als erwerbsorientiert zu denken und zu handeln, die Bühne des Freien Marktes betreten“. „Der Zynismus beginnt mit dem Gedankenexperiment, ob ein institutionelles Arrangement auch im ‚schlechtesten Fall‘, wenn sich alle Individuen als strikt eigennützig agierende Homines oeconomici verhalten würden, noch ‚funktioniert‘ (H-O-Test), und überhöht ihn in der Normativen Wendung dieses worst case zum Prinzip der guten Gesellschaftsgestaltung.“ „Hinter dem methodologischen worst-case-Interesse als vorwissenschaftliches, erkenntnisleitendes Interesse, kommt ein radikaler normativer Individualismus zum Vorschein: Es geht um das praktische Ziel, die Individuen möglichst restlos von moralischen Ansprüchen zu entlasten, damit sie ihr unterstelltes Bedürfnis nach strikter Eigennutzmaximierung (vulgärpsychologischer Hedonismus) ausleben dürfen. Der modellinterne schlechteste Fall (worst case) entpuppt sich als der modellexterne, für die Gestaltung der Gesellschaft intendierte, beste Fall“. „Der Methodische Ökonomismus erweise sich somit vor allem, als eine Methode des Abbruchs der Reflexion auf die Legitimität der handlungsleitenden Zwecke und Interessen“. „Die durch den Ökonomischen Determinismus zum alleinigen Rationalitätskriterium erhobenen funktionalen Bedingungen des real existierenden Wirtschaftssystems, fungieren im Sachzwangdenken als geistiger Schließmechanismus des wirtschaftsethischen Diskurses“. „Ob die Sachzwänge des marktwirtschaftlichen Systems als Gesellschaftsordnung (Marktgesellschaft) herrschen oder ob es eine ihn beherrschende und kontrollierende Gesellschaftsordnung gibt (Primat der Politik vor der Logik des Marktes), ist als praktische Frage des politischen Willens zu begreifen. Absolute Sachzwänge des Marktes, losgelöst von lebensweltlichen Vorgaben, existierten nicht“. Alle wirksamen Sachzwänge sind letztlich als Moment einer politisch von irgendjemandem gewollten und durchgesetzten Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung zu verstehen. Das bedeutet, dass alle Sachzwänge, die nicht naturgesetzlich determiniert sind, institutionalisierte Normenzwänge sind, die grundsätzlich in Frage gestellt werden können. „Die Sachzwangproblematik wirtschaftsethisch ernst zu nehmen hieße, sich nicht mit einem Reflexionsstopp vor den vorgefundenen empirischen Bedingungen der Selbstbehauptung jedes Wettbewerbsteilnehmers zu begnügen, sondern dem sich naturwüchsig entfaltenden Eigensinn der ökonomischen Systemdynamik, beharrlich auf den dahinter liegenden normativen Grund zu leuchten und ihn ethisch-kritischer Argumentation zugänglich zu machen“.
Metakritik Ulrichs Kritik an Homann stellt eine Verkürzung dessen Theorie dar. Homann ist keinesfalls der Ansicht, dass die Moral nur in der Rahmenbedingung liege. Auch in Homanns Konzept bleibt den Unternehmen Raum für moralisches Handeln. Dies ergibt sich aus der prinzipiell unvollkommenen Rahmenordnung. Nur im gedachten Idealfall kann die Rahmenordnung die Individuen vollständig von moralischen Anforderungen entlasten. Die Unvollkommenheit der Rahmenordnung bezieht sich dabei allerdings nicht allein auf „noch nicht geregeltes“. Es können auch gültige und anerkannte Gesetze etwa in ihrer Durchsetzung zu kostspielig sein. (Homann/Blome-Drees 1992, S. 159). Auch Ulrich fordert (im Bewusstsein der Unvollkommenheit) die Rahmenordnung zur Moralentlastung (nicht -befreiung!) der Individuen. Worin besteht also der grundsätzliche Unterschied zwischen Homanns und Ulrichs Konzeption? Bei Homann findet an entscheidender Stelle ein Reflexionsabbruch statt. Zwar sollen Unternehmen (bzw. Unternehmer!) die Rahmenordnung einer kritischen Reflexion unterziehen, um so die Defizite zu erkennen, und diese durch individuelle moralische Bemühungen zu kompensieren. Allerdings endet bei Homann die Pflicht der Reflexion unmittelbar vor dem neoliberalen Paradigma der Gewinnmaximierung von Unternehmen und der nun nicht mehr zu hinterfragenden Prämisse, der Markt sei der beste Ort der Handlungskoordination in der Gesellschaft: Langfristige Gewinnmaximierung wird zur „sittlichen Pflicht der Unternehmen“ (Homann/Blome-Drees 1992, S. 51). Abgesehen von der Trivialität, dass die Quantität der Gewinne nicht von der ethischen Qualität ihrer Realisierung abzulösen ist (Ulrich 1998, S. 408), findet bei Homann keine Auseinandersetzung mit der Frage statt, in welchen Bereichen das Prinzip der Marktkoordination tatsächlich die beste Lösung ist. Homanns auf – nach dieser Ansicht – neoliberalen Prämissen basierender wirtschaftsethischer Ansatz greift insofern zu kurz. Weitere wichtige Ansätze der Wirtschaftsethik im deutschsprachigen Raum stammen von Peter Koslowski, Josef Wieland sowie Horst Steinmann und Albert Löhr.
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